Unsortierte Gedanken #11: The Odyssey, Universes Within, Was haben wir gelacht

Natürlich habe ich auch Christopher Nolans The Odyssey gesehen und einige Gedanken dazu gehabt. Ich habe auch viel mit Freundinnen und Freunden darüber geschnackt – mehrere haben mich auch direkt nach meiner Meinung gefragt. Interessant finde ich: Nachdem der Film vor dem Start so sehr wegen seiner angeblichen “Wokeness” (eine schwarze Helena, ein Soldat, der von einem trans Mann gespielt wird) diskutiert wurde, kommt der Wind in meiner Bubble jetzt aus der entgegengesetzten Richtung. Gerade mit Frauen habe ich vor allem darüber gesprochen, ob der Film auch für sie Identifikationsfiguren bereithält. Catherine Shoard hat für den Guardian auch einen pointierten Text über diese Frage geschrieben (h/t Sonja).

Die kurze Antwort lautet: Nein. Die Frauen in The Odyssey sind keine schwachen oder herabgesetzten Charaktere, aber viel zu tun haben sie auch nicht. Und auch sonst ist The Odyssey in vielerlei Hinsicht ein Christopher-Nolan-Film, wie er im Buche steht. Er tut klüger als er ist und übertüncht mit seinen Schauwerten eine eher banale und nicht nuanciert verhandelte Botschaft (irgendwas zwischen “Krieg ist schlimm” und “Sittenverrrohung ist aller Laster Anfang”). Er ist vergleichsweise humorlos, besitzt kaum Erotik und könnte, Elliot Page zum Trotz, angesichts des Stoffs deutlich queerer sein. (epd film hat Nolans Marotten in einer Reihe von Vignetten diesen Monat gut aufbereitet.)

Nolan-Filme zerfallen für mich in zwei Lager: Die, in denen seine technokratische Herangehensweise für mich funktioniert (Memento, Inception, Dunkirk, The Prestige), und die, in denen sie mich abstößt oder langweilt (The Dark Knight, Oppenheimer, Interstellar, TENET). Entscheidend ist meistens, ob es irgendetwas Übergeordnetes gibt, das mich trotzdem für den Film gewinnt.

In The Odyssey ist das der Fall: Ich mag, wie Nolan mit der mythologischen Dimension des Stoffs umgeht. Wie konsequent er zeigt: Die Welten der Götter und der Menschen sind nicht vergleichbar und wir Menschen können nur erahnen, was außerhalb unserer Vorstellungskraft existiert. Alles Übersinnliche im Film – Zyklop, Magie, Sirenen, Scylla, Schweineverwandlungsmagie – wird durch Schnitte und Kamera so präsentiert, dass man es fast nur aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Kein Fantasy-Film, eher ein Horrorfilm. Ein Film darüber, wie klein wir Menschen uns im Angesicht der ungeheuren Welt fühlen sollten.

Diese Idee und ihre visuelle Umsetzung hat mich begeistert. Der unbedingte Wille Nolans, für eine große Zahl bekannter Motive neue Bilder zu finden, querliegend zur großen Diorama-Ausstellung handelsüblicher CGI-Monsterschlachten im Genre. Im Kino hatte ich deswegen einfach eine richtig gute Zeit. Die letzte Stunde des Films, in der es um die Heimkehr nach Ithaka, die Vertreibung der Werber und “Xenia für Dummies” geht, war mir dann aber wieder viel zu lang. In diesem Fall bin ich allerdings bereit, zu verzeihen. Bei Oppenheimer war ich das nicht.

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Die größte Diskussion der letzten Jahre in meinem Lieblingsspiel Magic: The Gathering dreht sich darum, dass die Firma Wizards of the Coast nach über 30 Jahren Spielhistorie angefangen hat, Crossovers mit externen Intellectual Properties zu produzieren. Magic als Sammelkartenspiel lebt von seinem immer neuen Input, inzwischen erscheinen etwa sechsmal im Jahr neue Kartensets. Die Crossover-Welle mit dem Namen “Universes Beyond” fing harmlos mit Sets zu Dungeons and Dragons und The Lord of the Rings an, die beide nahtlos an Magics übliche High-Fantasy-Welt anschlossen, ging aber weiter unter anderem mit dem Marvel Universe, Avatar: The Last Airbender und Teenage Mutant Ninja Turtles. Ende dieses Jahres erscheint ein Star-Trek-Set.

Viele Magic-Fans sehen darin eine Pervertierung ihres geliebten Spiels und boykottieren die Universes-Beyond-Sets, die im Wechsel mit klassischen Magic-Sets erscheinen. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass die Crossovers jede Menge neue Fans an Land spülen, die wegen des ihnen Bekannten kommen und anschließend bleiben. Ich selbst bin relativ agnostisch. Manche Sets waren besser, andere weniger gut. Über Tolkien habe ich mich selbstverständlich gefreut, die Turtles waren eine prägende IP meiner Kindheit und Avatar habe ich durch Magic erst richtig entdeckt und schaue jetzt begeistert die Serie mit meinem Kind. Aber es gibt mir keinen besonderen Kick, Charaktere, die ich kenne, auf Magic-Karten zu sehen. Ich hätte nichts dagegen, wenn Magic die Universes-Beyond-Kooperationen wieder beenden würde.

Dass es aber doch einen Unterschied gibt, habe ich dieses Wochenende gemerkt. Auf einer Magic-Convention in Amsterdam wurde das Programm für das kommende Jahr vorgestellt, allerdings zunächst nur die Sets, die nicht Universes Beyond sind. Die Spieler erwartet eine Unterwasser-Welt, ein Mechas-vs-Monster-Setting und eine Afro-Fantasy-Welt. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich wieder Vorfreude gespürt, die mit früher vergleichbar war. 

Es ist etwas Besonderes, dass Magic seit 33 Jahren eine Geschichte fortschreibt und ein Multiversum baut, das immer vielfältiger und interessanter wird – auch wenn es gelegentlich an den gleichen Complexity-Creep-Problemen leidet wie lange laufende Comicserien. Als in Amsterdam die “Universes Within”-Sets angekündigt wurden, entstanden in meinem Kopf nicht Gedanken wie “Ich hoffe, das wird erträglich” oder “Ich bin gespannt, wie sie X ins Spiel übersetzen” sondern einfach “Was lassen sie sich dafür wohl Tolles einfallen” und “Ich will wissen, wie die Story weitergeht”. Es war angenehm, nicht parallel das Rumpeln des Hyperkapitalismus zu hören, der einen mit den immer gleichen Marken in neuen Gewändern zuscheißt. Es war angenehm, sich nicht zu den Crossovers verhalten zu müssen, sondern sich einfach auf Neues und Kreatives zu freuen. Das hat mir mehr zu denken gegeben, als ich erwartet hätte.

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In der neuen Ausgabe von LÄUFT geht es um den Dokumentarfilm Was haben wir gelacht, der jetzt im Kino ist und sicher vor Ende des Jahres auch noch im Fernsehen laufen wird. Er ist ein sehr gutes Stück Medienreflexion über die Unterhaltungssendungen der 1990er Jahren und das gruselige Frauenbild, das damals noch als normal galt – auch bei mir. Mit Co-Regisseurin Eva Müller habe ich genau über diese Erinnerung an damals und über die Machart des Films gesprochen. War eins meiner liebsten Interviews bisher dieses Jahr, deswegen empfehle ich es ohne Einschränkungen.

Außerdem in der genannten Folge: Ein kleines Kritik-Feature zum Hörspiel Hologrammatica vom Deutschlandfunk nach dem Roman von Tom Hillenbrand. Ich habe das Team des Hörspiels auch auf der MetropolCon getroffen, über die ich demnächst hier noch ausführlicher schreiben will. Eine längere Kritik zu Hologrammatica habe ich auch für epd medien geschrieben, ebenso Texte zum ARTE-YouTube-Format Warum? und zum KI-Game Promptables des SWR.

Foto von Constantinos Kollias auf Unsplash

Rant: Unnötige Hostifizierung in Podcasts

Liebe Podcastredaktionen des ÖRR,

bitte entscheidet euch, ob ihr mit euren Podcast-Hosts persönlich motivierte Geschichten erzählen wollt oder nicht. Beides ist gut und gleich wertvoll. Aber hört auf mit peinlicher “Hostifizierung”.*

Ich hatte schon nach einer Folge Wem gehört Wacken? wieder keine Lust mehr. Es ist voll okay, dass dieses Projekt von einem großen Team recherchiert und umgesetzt wurde. Eine Host kann trotzdem die Erzählerin sein. Sie kann auch persönliche Eindrücke und Bewertungen schildern, aber sie muss mir nicht zwischendurch erzählen, dass sie 1990 (beim ersten Wacken-Festvial) vier Jahre alt war und einen gelben Plastikhund liebte. Das trägt nichts zur Geschichte bei. Sie darf auch bei einem vermeintlich launigen Thema einfach Journalistin sein.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich Anfang des Jahres mit dem Podcast zu “Bibi”. Egal wie viele persönliche Details die Host eingestreut hat, es klang trotzdem nicht wie “ihr” Podcast. Dazu fehlte die ehrlich erzählte Motivation. (Und eigentlich immer, wenn ich dieses Gefühl habe, blicke ich in die Credits und sehe: Host und Autor:in sind nicht die gleiche Person.)

Positive Gegenbeispiele: In Wolf of Cannabis wusste ich nach kurzer Zeit sehr genau, wer mir diese Geschichte erzählt und warum, ganz ohne dass die Journalistin mir irgendwas über ihre Jugend erzählen musste. In Gabalier hat mir die Journalistin etwas über ihre Jugend erzählt, aber es war auch relevant für die Gesamtsituation und Haltung, die den Podcast trägt.

Der Unterschied ist eigentlich nicht schwierig. Podcasts können alles sein. Man muss sie nicht auf eine bestimmte Art gestalten, nur weil man das halt so macht. Viel wichtiger ist, dass sie in sich stimmig sind. Entweder ihr gebt den Hosts die Freiheit, persönliche Geschichten zu erzählen, oder ihr lasst es!

Ende der Seifenkistenrede.

(Ich habe bewusst keine Namen genannt. Es geht mir nicht darum, Menschen zu kritisieren, sondern ein System. Und genauso bewusst sind alle vier Hosts Frauen – positive wie negative Beispiele haben nichts mit dem Geschlecht der hostenden Person zu tun.)

(Zuerst auf LinkedIn veröffentlicht)

* Erstaunlicherweise habe ich dieses Wort in einem Vortrag über ein Projekt gelernt, das ich eigentlich mehrfach als Positivbeispiel hervorgehoben habe, OBSESSED – Döner Papers. Host Aylin Doğan spricht im Podcast darüber, dass sie auch Passagen, die sie nicht selbst geschrieben hat, “hostifizieren” – also auf sich selbst zuschneiden – musste. Diese Art von Arbeitsteilung beim Schreiben geht, irgendwie. Auch beim Podcast Werner Herzog waren nicht alle Folgen von Host Max Ostenstätter geschrieben. Aber sowohl die Döner Papers als auch Herzog waren in ihrer Gesamkonstruktion trotzdem als persönliche Geschichten aufgebaut – als eigene Faszinationen, denen die Hosts nachgehen. Das macht für mich den Unterschied.

Unsortierte Gedanken #10: Partys, Künstler, Zukunftsfragen

Der Podcast Search Engine hat mich schon auf kuriose Arten inspiriert. Die Doppelfolge “Why didn’t Chris and Dan get into Berghain?” ist fast alleine dafür verantwortlich, dass ich seit zwei Jahren wieder elektronische Musik höre. Die jüngere Folge über Atomkraft hat mich zumindest schwer zum Nachdenken gebracht.

Und auch die neueste Episode ist wieder wirklich gut. “Why doesn’t anybody come to my Parties?” fragt die Substack-Autorin Claire Haber-Harris den Host PJ Vogt. Er fragt in ihrem Umfeld nach, und bei dem, was er herausfindet, geht es am Ende darum, wieviel man von sich selbst preisgeben will, welche “Version” seiner selbst man anderen präsentieren möchte und sollte. Aber es geht auch darum, was eine gute Party ausmacht.

Mich hat das alles sehr angesprochen. Ich liebe Partys und ich vermisse sie. Ich war nie ein perfekter Gastgeber im Sinne von “Viele kleine tolle Details und an jeden ist gedacht”, aber ich habe immer gerne die Leute aus meinen weitverzweigten Bekanntenkreisen an einem Ort bei Getränken und Musik zusammengebracht. Aber ähnlich wie die Protagonistin im Podcast kam dann irgendwann der Double-Whammy aus Kind und Corona, der dazu geführt hat, dass ich nach 2018 keine Party mehr gefeiert habe. (Das Titelbild war das Motiv der “Letzten Party ohne Kind” – dass seitdem Zeit vergangen ist, erkenne ich auch daran, dass ich Alkohol heute sicher nicht mehr so in den Vordergrund rücken würde.)

Letztes Jahr habe ich versucht, meinen 42. Geburtstag groß zu feiern, musste das Park-Picknick aber wegen schlechten Wetters absagen. Dieses Jahr habe ich eigentlich schon aufgegeben. Ich habe den Eindruck, dass eh kaum noch jemand feiert. Der Double Whammy hat viele Leute in meinem Alter getroffen. Wenn man dann dazu noch weder in WGs noch in Einfamilienhäusern wohnt, weiß man oft gar nicht, wo man feiern soll. Und geredet wird dann auch oft nur noch über die eigenen Kinder, die man parallel die ganze Zeit im Auge haben muss.

Können mir Leute, die älter sind als ich, sagen, wann das wieder besser wird? Wann es wieder mehr Gelegenheiten gibt, interessante fremde Menschen kennenzulernen und dabei selbst zu entscheiden wie sehr man den Regler zwischen “Normie” und “Nerd” hin- und herdrehen will?

(Ergänzung: Mark Rosewater über Erfahrungen mit guten Partys. “Ein klarer Endpunkt” ist mir am meisten hängengeblieben.)

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Das Interview, das Anna Sale in Death, Sex and Money mit der Autorin und Regisseurin Erica Schmidt und ihrem Ehemann, Schauspieler Peter Dinklage, führt, ist insgesamt sehr hörenswert und irgendwie wholesome. Noch viel besser fand ich aber drei Sätze, den Sale in ihrer Anmoderation sagt:

Sometimes when you’re an artist, you see things that other people don’t see. Sometimes that can make you feel like you’re on your own, like you don’t quite fit. (…) It can be lonely.

Ich habe mich selbst nie als Künstler begriffen, kenne aber Menschen, die ich so einordnen würde. “Dinge sehen, die andere nicht sehen” ist eine erstaunlich gute Definition von künstlerischer Sensibilität. Dass es genau dieses Merkmal ist, was einen manchmal zum Außenseiter machen kann, passt für mich sehr gut.

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Vor ein paar Tagen habe ich im Blog von Johannes Kuhn zum Thema Verzweiflung und “Boomer Realism” kommentiert und dabei (mal wieder) auf Ada Palmer verwiesen, die Historikerin, deren SF-Romane mich in den letzten Jahren schwer beeindruckt haben. Interessanterweise hat Palmer einen Tag später zusammen mit dem “Solutions Journalist” Angus Hervey einen neuen Podcast exakt zu diesem Thema gestartet. Er heißt A Short History of Saving The World.

Ich bin kein übermäßiger Fan von “Lasst uns mal auf die guten Sachen konzentrieren”, was Herveys Ding zu sein scheint, aber ich mag Palmers weit ausgezoomten Blick auf Menschheitsgeschichte, der oft darauf hinweist, dass Phänomene nicht neu sind, aber dennoch differenziert genug ist, um es dabei nicht zu belassen. Die erste Folge der Podcasts ist noch nicht sehr fokussiert, enthält aber schon viele interessante Punkte über die Dauer von Informationsrevolutionen und menschliche Anpassungsfähigkeit. Ich bin gespannt, ob es in der Zukunft noch zu stärkeren Diskussionen kommt, werde die Stunde pro Monat aber auf jeden Fall investieren.

Das Slate Culture Gabfest nimmt Abschied – aber wie!

Mir ist ein bisschen das Herz in die Hose gerutscht, als ich die Nachricht gehört habe. Der Podcast Slate’s Culture Gabfest stellt nach 18 Jahren seinen Sendebetrieb ein. Einen richtigen Grund hat Host Steven Metcalf nicht genannt, aber ich vermute, dass es viel damit zu tun hat, dass Co-Host Julia Turner bereits seit mehreren Jahren nicht mehr in New York lebt und nach Stationen bei der L.A. Times und der Annenberg School of Journalsm nun ein eigenes Online-Magazin gegründet hat und schlicht keine Zeit mehr hat, drei Kulturthemen pro Woche zu recherchieren.

18 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Mir fallen nicht viele Podcasts ein, die so lange in gleicher Besetzung und mit gleichem Format durchhalten. Ich schätze, dass ich ca. 2011 auf das Gabfest gestoßen bin, vermutlich über die dritte Co-Host Dana Stevens, die Filmkritikerin von Slate, deren Kritiken ich immer schon sehr geschätzt habe.

Ich fand das Format des Gabfest immer perfekt: Drei kluge Menschen, zu denen ich inzwischen eine tiefe parasoziale Beziehung habe, sprechen jede Woche über drei kulturelle Themen. Klug aber humorvoll, nicht nur im “Daumen hoch/Daumen runter”-Modus, aber auch nicht in erschöpfender Tiefe – also auch dann interessant, wenn man sden Film/die Serie/das Phänomen noch nicht selbst erlebt hat. Pop Culture Happy Hour von NPR war anfangs ähnlich angelegt, wenn auch etwas oberflächlicher, und hat im Gegensatz zum Gabfest irgendwann sein Format auf einen täglichen Podcast geändert – womit ich dann auch ausgestiegen bin.

Beide Sendungen stammen aus einer Zeit, in der es solche Podcasts in Deutschland noch nicht gab. Deswegen waren sie für mich das große Vorbild für den Podcast Kulturindustrie, den ich 2017 mit Lucas Barwenczik, Sascha Brittner und Mihaela Sartori gestartet habe. Mein (etwas verkrampfter) Anspruch war damals, dass Kulturindustrie das deutsche Gabfest wird. Das haben wir natürlich nicht geschafft, obwohl wir schon recht erfolgreich waren. Aber auch wir haben Ende 2023 aufgehört, weil ein bisschen die Luft raus war.

Dieses Ende haben wir nicht vorher angekündigt. Ich habe irgendwann eine kurze Folge aufgenommen, in der ich eine Abschiedsbotschaft verlesen habe. Das erschien uns allen am saubersten – andere Podcasts hören einfach auf ohne jemals Bescheid zu sagen.1

Umso genialer finde ich, was das Culture Gabfest gerade macht. Es feiert seinen Abschied mit einer gigantischen Ehrenrunde. Die Folgen sind extralang. Jede Woche kommen besonders liebgewonnene Gäste noch einmal vorbei. Schmerz und Erleichterung stehen gleichberechtigt nebeneinander und werden gemeinsam zelebriert. So und nicht anders sollte man nach 18 Jahren von der Bühne gehen. Farewell, Julia, Steve and Dana! Ihr werdet mir fehlen!

Wie soll ich diese Lücke in meinem Podcast-Plan füllen? Sollte ich das überhaupt? Ich hätte gerne ein nicht-tägliches Format, das mir einen Überblick über aktuelle kulturelle Themen liefert. Was denken die Lesenden hier? Zur Auswahl stünde zum Beispiel Critics At Large, das ähnliche Format des New Yorker. Ich finde auch Las Culturistas von Weitem ganz interessant. In Deutschland gibt es Die sogenannte Gegenwart von der Zeit, aber ich fürchte mich ein bisschen vor deutschem Feuilleton, um ehrlich zu sein. Habt ihr noch Tipps? Oder muss ich am Ende selbst wieder ran?2

  1. Zum Beispiel mein liebstes Kulturpodcast-Format jüngerer Zeit, Kulturschock mit Hendrik Bolz. Ich habe Bolz über den MDR im April für ein Interview in LÄUFT angefragt. Damals hieß es, er habe keine Zeit. Inzwischen frage ich mich: Wusste man damals schon, dass das Format nach einer Handvoll Folgen sang- und klanglos wieder verschwinden würde? ↩︎
  2. Einen solchen Podcast zu produzieren sind ca. zwei volle Tage Arbeit pro Folge. Man muss sich auf mehrere Themen einigen, die gut zueinander passen und zu denen jeder das Gefühl hat, etwas sagen zu können. Dann muss man alles sehen/lesen/hören (das ist nicht nur Vergnügen, vor allem, wenn man nicht eh hauptberuflich Kulturjournalist ist) und am besten noch ein bisschen Material drumherum sichten, damit man alles gut einordnen kann. Dann muss man aufnehmen, schneiden, veröffentlichen und bewerben. It’s a lot. ↩︎

Jesse David Fox: Interviewer meines Herzens

Ich verfolge das Schaffen des Vulture-Comedy-Kritikers und Podcasters Jesse David Fox schon länger, als ich dachte. Hier im Blog findet sich ein Link auf ein Porträt aus seiner Feder über The Lonely Island von 2016. Richtig wahrgenommen habe ich ihn aber erst, als er vor einigen Jahren den Podcast Good One begonnen hat, in dem er Stand-Up-Comedians interviewte und mit ihnen gemeinsam ihre Witze auseinandernahm.

Obwohl ich kein großer Stand-Up-Aficionado bin, habe ich Good One immer gerne gehört, wenn ich die Zeit dafür hatte. Das lag und liegt vor allem an der Art, wie Fox seine Interviews führt. In einem Interview, das er selbst mal gegeben hat, hat er berichtet, wie er sich vorbereitet: Er versenkt sich eine Woche lang im Werk seiner Gegenüber und hört und liest dazu so ziemlich jedes andere Interview, das sie jemals gegeben haben. Ins Interview geht er also mit einem fast schon enzyklopädischen Wissen über sein Subjekt und der Bereitschaft, sowohl sehr breite als auch mikroskopisch detaillierte Fragen zu stellen.

So richtig gut aufgefallen ist mir das mal wieder diese Woche, als ich Good One das erste Mal seit längerem wieder gehört habe, im Interview mit Rhea Seehorn, der Hauptdarstellerin aus Pluribus. Ich war lange der Meinung, dass man mit Schauspieler:innen selten so interessante Interviews führen kann wie mit Regiseur:innen oder Autor:innen, weil ihre Arbeit vermeintlich so wenig im Kopf und so viel im Körper stattfindet. Was sie tun und können ist sichtbar, warum sollte man noch drüber reden? Sie haben selten große Ideen über die Filme, in denen sie mitspielen – das ist auch nicht ihre Aufgabe. Gleichzeitig sind sie im Kreativbetrieb die glamourösesten Figuren, weshalb viele Interviews schnell auf Privates oder Varianten von “Wie ist [andere Person] denn so?” ausweichen. Beides interessiert mich in der Regel nicht.

Dass es auch ganz anders geht, zeigt Fox im Interview mit Seehorn. Er ist obsessiv interessiert an Prozessen, sowohl internen als auch externen. Er will genau wissen, wie Dinge funktionieren und was Menschen dafür tun und dabei empfinden. Ich habe schon lange kein so gutes Gespräch über die Arbeit des Schauspielerns mehr gehört. Einerseits: Welche Erfahrungen, welche Lehren, welche kleine Entscheidungen spielen eine Rolle, damit das entsteht, was wir zu sehen bekommen? Wie entwickelt sich eine Herangehensweise über die Zeit? Aber auch: Wie funktioniert Schauspielerei als Job? Was sind die impliziten und expliziten Regeln der Branche? Wie steht Rhea Seehorn dazu?

Seehorn lässt sich natürlich hervorragend darauf ein. Aber es ist auch ganz klar, dass Fox sich nicht nur auf sie vorbereitet hat, sondern auch immer wieder abgleicht, was er aus vorherigen Interviews gelernt hat.

Den gleichen Zweck erfüllt auch die “Lightning Round” am Ende des Interviews, eine Reihe von Fragen, die er jedem Gast oder jeder Gästin stellt. Warum das so wertvoll ist (und warum es deswegen eine sehr beliebte Kategorie in Podcasts ist), habe ich ebenfalls vor mehr als zehn Jahren schon mal aufgeschrieben. Fox schafft in seinem Podcast im Grunde eine Art qualitative Querschnittsstudie. Hier kommen auch die besonders breiten Fragen ins Spiel: Wer ist der/die beste lebende Schauspieler:in? Wieviel Geld verdienst du und hast du? Wie Menschen auf solche Fragen antworten, sagt oft genauso viel über sie aus, wie das, was sie sagen, wenn sie Fragen über sich gestellt bekommen.

Das Jesse-David-Fox-Modell ist eins, dem ich bei LÄUFT entgegenstrebe. Mir gelingt das selten. Ich habe nur etwa 25 Minuten Interviewzeit und kann mich oft nicht so ausführlich vorbereiten (es ist halt nur mein Nebenjob). Oft führe ich Gespräche mit Menschen über Themen, mit denen sie sich auskennen, und nicht über ihre eigene Arbeit. Aber ich würde diese Prozess- und Arbeits-Interviews gerne viel öfter führen.

Ich habe auch den Eindruck, dass gerade prominentere Menschen dabei oft aufblühen, weil es ihnen wiederum die Möglichkeit gibt, über Dinge zu reden und zu reflektieren, mit denen sie sich wirklich auskennen. Bei Anne Will ist mir das damals ganz gut gelungen, finde ich. Und auch bei Maren Kroymann, die fast schon überrascht war, dass ich sie gefragt habe, wie ihr Writers’ Room funktioniert.

Hier würde mich (wie immer) auch sehr die Meinung meiner Leser:innen interessieren. Lest und hört ihr gerne solche nerdigen Prozess- und “Craft”-Interviews? Würdet ihr gerne mehr davon sehen? Gibt es vielleicht im deutschsprachigen Raum schon Interviewer:innen, die gut darin sind?

Foto von Rosie Kerr auf Unsplash

Unsortierte Gedanken #9: Nils Westerboer, Keine Dystopie, Millennial Music

Ich habe jetzt zwei Bücher des deutschen Science-Fiction-Autors Nils Westerboer gelesen. Sein jüngstes, Lyneham, wurde mir vom Buchladen meines Vertrauens so lange angepriesen, bis ich nachgegeben habe. Und noch während ich dabei war, es zu lesen, kam die Ankündigung, dass David Wnendt den Roman Athos 2643, den Vorläufer von Lyneham, verfilmt hat, also musste ich den natürlich auch noch lesen.

Westerboer schreibt sehr gute Science-Fiction-Romane. Verkopft, zwar, aber mit dreidimensionalen Charakteren, eingebettet in glaubwürdiges und dennoch immer leicht ungreifbares Zukunfts-Worldbuilding. Westerboer ist im Hauptberuf Lehrer an einer progressiven Schule in Jena und hat sowohl Film- und Medienwissenschaft als auch Germanistik und evangelische Theologie studiert, wirkt also fast ein bisschen, als wäre er in einem Reagenzglas gezüchtet worden, um zu mir zu passen.

Athos 2643 ist ein wirklich guter Roman über Mensch-Maschine-Interaktion, über unsere Zuschreibungen von Persönlichkeit an Künstliche Intelligenzen und darüber, was uns dennoch unterscheidet – verpackt in einen spannenden Krimi. Lyneham ist ein Buch über Eltern, Kinder und Terraforming, das mich ebenso gefesselt hat.

Wenn ich eine Kritik an Westerboers Schreiben habe, dann dass seine Bücher auf mich sehr bewusst geplottet wirken. Lyneham ist auf zwei Zeitebenen erzählt und hat mich wahnsinnig gemacht mit dem Vorenthalten von Informationen. Athos 2643 hat nach zwei Dritteln der Handlung einen dieser typischen Thriller-Twists, der einen alles Vorherige neu bewerten lässt. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich von Autor:innen so manipuliert werde, pendle ich immer zwischen Anerkennung und Wut. Und es hat mich gewundert, dass Westerboer nach eigener Aussage eher jemand ist, der einfach anfängt zu schreiben. Wobei er gleichzeitig zu seinen Romanen immer tolle Making-Of-Collagen veröffentlicht, die seinen Prozess und seine Inspiration zeigen.

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Wenn über unsere Gegenwart gesprochen wird, höre ich immer wieder das Wort “Dystopie” und “dystopisch”, zuletzt von Sascha Lobo und in einem Deutschlandfunk-Feature, und es nervt mich kolossal. Die Bezeichnung impliziert, dass wir schon an irgendeiner Art von Endpunkt angelangt sind, aus der es kein Entrinnen mehr gibt.

Wer die Jetztzeit bereits als dystopisch betrachtet, hat sich nach meinem Empfinden wenig mit Dystopien auseinandergesetzt und legt auch eine erstaunliche Geschichtsvergessenheit an den Tag. Noch ist die Klimakatastrophe nicht eingetreten, noch haben Faschisten nicht überall die absolute Herrschaft übernommen und noch beherrschen wir die Technologie, die wir geschaffen haben, und nicht umgekehrt. Wenn ein bisschen schlechtes Wetter, gemeine Umfragewerte, leicht verteuertes Benzin und etwas zu viel Doomscrolling für Leute schon “Dystopie” sagt, was machen die eigentlich, wenn wirklich ein Krieg auch in Deutschland stattfindet (wie ihn meine Großeltern noch erlebt haben) oder diverse Klima-Kipppunkte erreicht werden? Können wir mal mit diesem vorauseilenden Gehorsam aufhören?

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Ich habe lange nicht mehr aufgeschrieben, wo ich außerhalb dieses Blogs unterwegs war. Es ist schon ewig her, dass ich mit Sascha im PewCast zu 28 Years Later: The Bone Temple gesprochen habe. Und im März war ich endlich mal im Podcast Tasty MTG meiner beiden Magic-Buddies Martin und Geis zu Gast und habe über das Magic x Teenage Mutant Ninja Turtles Crossover und meine eigenen Turtles-Kindheitserinnerungen gesprochen.

Meine Blogosphären-Präsenz auf der re:publica hat dazu geführt, dass ich zur Abschlussrunde bei Töne Texte Bilder eingeladen wurde. Und am letzten Wochenende ist ein erster Text von mir in der gedruckten taz erschienen, übrigens die Extrapolation eines Absatzes aus meinem KI-Nutzungs-Artikel hier im Blog.

Gerade in Podcasts lasse ich mich übrigens immer gerne einladen. Schreibt mir einfach.

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Ich fahre kommendes Wochenende nach Wiesbaden zu einem Treffen meines Abi-Jahrgangs zum 25. Jahrestag unseres Abiturs. Die meisten der Leute, die dort kommen, habe ich mindestens seit 15, einige wahrscheinlich sogar wirklich seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Der Song, den ich am meisten mit unseren Abi-Feierlichkeiten 2001 verbinde, ist “One More Time” von Daft Punk. Ich kann mich noch sehr genau erinnern, wie ich im Party-Teil des Abiballs in den Morgenstunden mit meinen Jahrgangskamerad:innen dazu getanzt habe. Die Jungs hatten ihre Sakkos und die Mädchen ihre hohen Schuhe ausgezogen, und dann gab es so einen “Erinnerungs-Festhalte-Platte-Spring”-Moment in meinem Kopf wie am Ende von Absolute Beginner.

Ich erzähle das, weil NPR Music gerade in einem Podcast über den “defining Millennial Song” gesprochen hat. Ich bin Jahrgang 1983, also am älteren Rand der Millennial-Generation und merke immer wieder, dass es mir schwer fällt, mich dieser Generation wirklich zuzuordnen. Viele meiner prägendsten kulturellen Erlebnisse stammen genau aus der Zeit knapp vor 9/11. Als die Dinge passierten, über die Hazel Cills und Sheldon Pearce im Podcast sprechen – Cringe, Emo, Finanzkrise, iTunes-Hits, YouTube, EDM – war ich mit dem Studium quasi schon fertig. Gleichzeitig bin ich nicht alt genug, um so richtig den Generation-X-Moment in den 90ern mitgenommen zu haben, den ich ja auch für prägend für die Blogosphäre halte.

Was mir noch aufgefallen ist: Die bei NPR geschilderten Erfahrungen sind trotz des Claims der “ersten globalen Generation” ziemlich amerikanisch! EDM war in Europa schon längst passé als es in den USA groß wurde, die Finanzkrise kam hier anders an, und Hot Topic haben wir hier gar nicht.

Außer “Elder Millennial” gibt es für meine Mikro-Alterskohorte auch den Begriff X-Ennial, dem ich mich am ehesten zugehörig fühle. Und eine Musik, die sehr gut zu uns passt, hat der Creator David Percy vor kurzem als “Matrix Music” bezeichnet, also Musik, die im Film The Matrix laufen könnte, den ich für einen definitiven Text der Xennials halte. Darin steckt sowohl 90er-Electronica wie The Prodigy oder The Chemical Brothers, als auch späte Grunge-Ausläufer und Brit Pop. Das ist Musik, die ich damals selbst kaum gehört habe, bei denen ich aber wirklich das Gefühl habe, sie haben sich in mich eingeschrieben.

In London hatte ich die Gelegenheit, die sehr tolle Ausstellung “The Music is Black” im frisch eröffneten V&A East Museum zu sehen, und das Erleben dort passt wiederum sehr zum Gefühl der europäischen Perspektive, die immer anders ist, als die amerikanische. Beim Durchwandern der Ausstellung habe ich mich mit viel Freude an Schwarze britische Artists erinnert, die ich schon in meiner Jugend gefeiert habe, und die ebenfalls sehr gut Matrix Music sein könnten, allen voran Massive Attack und Skunk Anansie.

Foto von Patrick Perkins auf Unsplash

“Mythos Blogosphäre” auf der re:publica 2026

Gestern Abend fand das angekündigte Panelgespräch zum Thema “Mythos Blogosphäre” auf der re:publica statt und ich bin mittelzufrieden. Zum einen habe ich Kritik an mir selbst als Moderator. Ich habe den Fehler gemacht, mich mitten zwischen meine Gäste zu setzen, was zwangsläufig immer dazu führt, dass, wenn ich eine Seite anschaue, die andere für mich unsichtbar wird. Das ist super unangenehm. Besser wäre es gewesen, ich hätte mich an eins der beiden Ränder gesetzt.

Außerdem hat sich schon in der Vorstellung der Gäste ein peinlicher Fehler in meiner Vorbereitung offenbart: Ich habe Inés, der Kaltmamsell, zugeschrieben, dass ich von ihr den Wahlspruch “Blog like no one’s watching” beherzigt habe, der allerdings – wie Inés sofort anmerkte – von Anke Gröner stammt. Er ist sogar das Motto ihres Blogs, das leider zurzeit offline ist. Ich will nicht ausschließen, dass Inés mal auf Anke verwiesen hat und ich den Spruch tatsächlich über sie wahrgenommen habe, aber das hätte ich einfach besser recherchieren können. Kein guter Start also. Entschuldige, Inés.

Im weiteren Verlauf des Gesprächs hatte ich dann aber auch immer wieder das Gefühl, mit meinen Fragen ein wenig auf Grund zu laufen. Vieles von dem, was mich interessiert – gab es eine Selbst-Identifikation als Blogger:in innerhalb einer größeren Blogosphäre? Haben sich erste Blogger:innen-Treffen wie “Blog mich” oder re:publica wie besondere Momente angefühlt? Habt ihr beobachtet wie andere auf euch reagiert haben? Wie bewertet ihr eure Pionierrolle im Nachhinein? – wurde weder bejaht und erklärt, noch wurde ihm so richtig widersprochen. Bei mir hat sich ein großes Gefühl von “Es war alles sehr schön, aber mehr auch nicht” breitgemacht. Und das, obwohl ich nach kleinen Vorgesprächen mit Felix (mündlich) und Franziska (schriftlich) eigentlich ganz guter Dinge war.

Ich will ganz deutlich sein: Keine der anwesenden Personen schuldet mir oder irgendwem eine Deutung oder Einordnung ihres eigenen Tuns. Vielmehr ist das ja genau mein Projekt. Es braucht eventuell auch genau diese Zuschreibungen von Nachfolgenden, um dem ganzen Sinn und Form zu geben.

Ich glaube, ich bin darüber nur immer wieder irritiert, weil es diese Bedeutungszuweisungen ja durchaus zu der Zeit, über die wir sprechen, bereits gab. Blogger:innen haben auch immer schon gerne über das Bloggen gebloggt. Und Bücher wie Wir nennen es Arbeit von Holm Friebe und Sascha Lobo, das 2006 erschienen ist, haben den Mythos, auf den ich immer wieder referenziere, aktiv befeuert. Friebe und Lobo schreiben von “Blogrevolution” und “Spirit der Blogs” und beschreiben “das diffuse Wir-Gefühl einer angenehmen Schankwirtschaft, gepaart mit der offensiven Proklamation eines öffentlichen Plakatanschlags; und schließlich das Gefühl, im Lokalteil umfassend über den Nahbereich informiert zu werden, während die große Welt eher gefiltert eindringt” (S. 206, aktualisierte Taschenbuchausgabe).

Es ist also etwas passiert, damals, aber hier sind wir wieder an dem Punkt, dass Menschen, die Geschichte erleben, das im Moment selbst oft nicht merken. Ich glaube meinen Gästen, dass es für sie damals vor allem darum ging, einem Spaß am öffentlichen Schreiben zu folgen und sich mit anderen Leuten auszutauschen, und sie dann auch persönlich zu treffen, deren Texte sie sympathisch fanden. Genausoviele andere Blogger:innen waren ihnen aber egal, genau wie das von manchen Kommentator:innen oder eben cleveren Selbstvermarktern wie Friebe und Lobo zugewiesene Etikett “Blogosphäre”. Die Blogosphäre, insbesondere die frühe, war eben kein Druidenzirkel, in den man eingeschworen wurde, sondern ein amorphes Zusammenspiel von Menschen und ihren Medien, das aus jedem Blickwinkel anders aussah.

Damit ist das Thema aber nicht tot. Ich war besonders froh, dass sich mehrere Menschen im letzten Drittel des Gesprächs mit Wortbeiträgen meldeten, und mich dann doch eher bestätigten: “Es gab sehr wohl eine Blogosphäre und als Randfigur war ich total happy, dabei zu sein.” “Wenn es euch nicht gegeben hätte, hätte ich selbst nie mit dem Podcasten angefangen, ihr dürft also durchaus stolz sein.” – alle diese Beiträge kamen von Leuten, die, wie ich, etwas später, ab etwa 2009 dazukamen.

Eventuell ist das ein wichtiger Punkt: Damals hatte sich der Mythos, die Aura der Blogosphäre durch die vielen Berichte darüber schon gebildet. Aber erst durch die Menschen, die diesem Mythos folgten, wurde er erst so richtig real. Ähnlich wie ich öfter schon gelesen habe, dass der Mythos von Woodstock erst durch Michael Wadleighs Film wirklich kodifiziert wurde. Ich bin kein Historiker, aber ich glaube, diese Wahrnehmungsverschiebung ist ein typisches Phänomen.

Und dennoch glaube ich nach wie vor, dass in dieser Zeit auch eine Geschichte steckt. Das haben mir die diversen Gespräche mit Menschen abseits der Bühne in den letzten Tagen immer wieder gezeigt. Es gab – eventuell nicht ganz zu Anfang der 2000er aber spätestens zwischen 2005 und 2008 – einen Moment, wo sich in Blogs und in Veranstaltungen wie der re:publica eine fruchtbare Zusammenkunft aus Technik-Nerdtum und popliterarischem Feuilleton Bahn brach.

Dieser Moment war besonders, weil dieses Zusammentreffen so nur in diesem zeitlichen Moment mit genau diesen Leuten möglich war. Und weil er eben viele inspirierte, die damals noch zuschauten, weil sie zu jung waren oder sich noch nicht selbst getraut hatten, mitzumachen. Und ich hoffe, es gelingt mir noch, ihn irgendwie einzufangen. Wahrscheinlich muss ich einfach noch viel mehr Gespräche führen.

Bild: Rebecca van der Meyden

ABBA Voyage: Das uncannyeste aller Valleys

Seit ich das erste Mal von ABBA Voyage gehört habe, wollte ich hingehen. Nicht, weil ich so ein riesiger ABBA-Fan bin — ich mag viele ihrer Lieder wegen ihrer grandiosen Pop-Hooks, aber mich verbindet nichts mit der Band (nicht mal Mamma Mia!) – sondern, weil ich von Anfang wissen wollte, zu welcher Art von Konzerterlebnis heutige Computertechnik fähig ist. Ob Gebräue wie ABBA Voyage gar die Zukunft des Konzerts in sich tragen. 

Vor kurzem war ich für ein paar Tage in London (zum ersten Mal seit 1993, es war super!). Ich habe ABBA Voyage gesehen und bin mir immer noch nicht sicher, ob ich lachen oder weinen soll. Auf jeden Fall aber bin ich an meine semiotischen Grenzen gestoßen.

Nach so großen Worten sollte ich vermutlich kurz erklären, worum es geht. Obwohl die Story damals vor rund vier Jahren groß durch die Medien ging, habe ich nämlich die Erfahrung gemacht, dass kaum jemand wusste, wovon ich sprach. ABBA Voyage ist ein Konzerterlebnis, das im Mai 2022 gestartet ist und einem die Möglichkeit gibt, ein ABBA-Konzert zu erleben, ohne dass die vier Mitglieder der Gruppe anwesend sind.

Zu diesem Zweck haben ABBA mit Industrial Light and Magic zusammengearbeitet, um digitale Versionen ihrer jüngeren Ichs aus den 1970ern zu generieren, die sogenannten ABBAtare. Diese performen ein 100-minütiges, virtuelles Konzert ihrer größten Hits auf einer riesigen, hochauflösenden LED-Wand in einer eigens dafür errichteten “ABBA Arena” im Nordosten Londons, für das Agnetha, Benni, Björn und Annifrid selbst große Teile des Motion Capturing und ihre eigenen Stimmen aufgenommen haben.

Die Grenzen verschwimmen

Ok, ein computeranimierter Konzertfilm ist jetzt nichts wirklich Besonderes, könnte man sagen. Nicht im Zeitalter von, zum Beispiel, K-Pop Demon Hunters. Das Besondere aber ist, dass ABBA Voyage alles daran setzt, die Grenzen zwischen der künstlichen und der echten Welt maximal verschwimmen zu lassen, bis man als Zuschauer endgültig ins uncannyeste aller Valleys abgetaucht ist.

Sehr viele Entscheidungen rund um ABBA Voyage sind so getroffen worden, dass das Erlebnis möglichst stark an ein echtes Konzert erinnert. Die Arena hat zum Beispiel in der Mitte einen Stehplatz-”Dancefloor”. Effekte auf dem Screen sind nahtlos integriert mit realen Geschehnissen (Lichtern, Spiegeln, Bühneneffekten) im Saal. Jedes ABBA-Mitglied bekommt Solo-Spots im Set, in denen sie kleine Geschichten erzählen und das Publikum ansprechen. Und schließlich ist da eine zehnköpfige Live-Band am vorderen linken Bühnenrand, die jeden Abend die Musik zum eingespielten Gesang liefert.

Auch die Art und Weise, wie die ABBAtare präsentiert werden, ist einem Live-Konzert nachempfunden. Man sieht die vier Mitglieder am unteren Rand des Screens stehen, so dass der Eindruck entsteht, sie stünden weiter hinten auf der Bühne, während am linken und rechten Rand große Nahaufnahmen an typische Konzert-Kameras erinnern. Den Gipfel der Konzert-Simulation fand ich, dass sich bei schunkeligeren Songs wie “Chiquitita” oder “Fernando” Mitarbeitende des Theaters vor die Zuschauerränge stellen, um die anwesenden Fans zum rhythmischen Winken zu animieren. Für eine Musikgruppe, die nicht wirklich da ist. Es zählt alleine das Gefühl “Konzert”.

Abstraktionsebenen

Das wiederum hält ABBA Voyage aber nicht über 100 Minuten durch und dringt daher von Zeit zu Zeit auf eine andere Abstraktionsebene vor. Etwa beim dritten oder vierten Song schon wechselt die Darstellung auf dem Screen von der Konzertsimulation zum Musikvideo. Immer noch mit den ABBAtaren, die nun aber abstrahiert an ganz unterschiedlichen Stellen auf der Leinwand auftauchen und sich bewegen – ganz ohne dass die Gruppe als reale “Referenz” auf Bühnenhöhe zu sehen ist. In der Mitte des Sets wird es sogar noch abstrakter: Zu einer Sequenz mit Songs wie “Eagle” und “Summer Night City” wird eine animierte Geschichte über eine Abenteurerfigur gezeigt, die durch die Wüste reist, um einen Tempel zu finden, in dessen Zentrum riesige ABBA-Ebenbilder stehen. Anschließend aber kehrt man wieder zur Konzertsimulation zurück, nur mit anderen “Kostümen”.

Aber die semiotische Uneindeutigkeit (Ist es ein Konzert? Ist es ein 4D-Musikvideo?) hört hier noch nicht auf. Während die ABBAtare ganz bewusst so aussehen wie ABBA in ihren besten Jahren – wie ich gelesen habe, wollten die Mitglieder der Gruppe gerne, dass die Fans sie wie zu ihren imperialen Zeiten erleben können – sprechen sie aus dem Jetzt zu den Zuschauenden. Björn macht einen Witz darüber, dass er sich einfach sehr gut gehalten hätte. Agnetha sagt, dass es ja doch irgendwie unglaublich sei, dass sie nach all der Zeit noch einmal zusammen ins Studio gegangen sind. Ein Teil des Sets ist der Song “I still have faith in you”, der erst 2021 veröffentlicht wurde. Wo also befinden wir uns? 1979 oder 2021? Und warum gelingt es anscheinend allen anderen, das einfach so zu akzeptieren?

Gelernte Ambiguität

Ich habe das hier im Blog einmal mit Bezug auf Alanis Morissette erwähnt: Konzerte großer Künstler:innen enttäuschen mich immer wieder. Weil das, was eigentlich ein Live-Konzert ausmacht, nämlich den gleichen Raum mit Menschen zu teilen, die performen und dafür eine Rückkopplung aus dem Publikum erhalten, automatisch verloren geht, sobald dieser geteilte Raum eine gewisse Größe überschreitet. Also muss auf Kameras und ergänzende “Visuals” gesetzt werden, um auch die Leute weiter hinten bei Laune zu halten. Also muss die Ton- und Lichttechnik so gestaltet werden, dass überall Konzert stattfindet, unabhängig von seiner Quelle auf der Bühne. De facto ist es bei vielen großen Konzerten, wenn man nicht gerade direkt an der Bühne steht, egal, ob Performance und Ton live sind oder nicht. Irgendwann merkt man den Unterschied sowieso nicht mehr. Auf diese gelernte Ambiguität setzt ABBA Voyage.

Und auch in Sachen “Konzerte alter Künstler:innen aus den 70ern” habe ich schon einiges erlebt. In den 2000ern war ich mehrfach auf Konzerten von The Musical Box, einer Coverband, die Genesis-Konzerte aus den 1970ern haargenau nachbildete, inklusive Perücken und Kostümen. Als ich in den 2010ern mal Roger Waters’ The Wall gesehen habe (bevor Waters seinem Antisemitismus endgültig freie Bahn ließ), erschien es mir schon total absurd, dass hier ein 70-Jähriger ungebrochen eine Geschichte nachspielte, die aus der Wut und Einsamkeit eines 35-Jährigen entstanden war. Ähnlich traurig waren auch Queen mit Adam Lambert, in der die Freude darüber, Roger Taylor und Brian May live spielen zu sehen, dadurch konterkariert wurde, dass Adam Lambert sich ständig dafür entschuldigte, nicht Freddie Mercury zu sein. Ähnlich Yes, deren neuer Sänger zuvor Sänger einer Yes-Coverband war.  Vielleicht ist ein virtuelles Konzert, das nur zur Hälfte wirklich ein Konzert ist, dann doch die bessere Wahl.

Paradesimulakrum

Für mich ist ABBA Voyage das Paradebeispiel für ein Simulakrum im Sinne Jean Baudrillards. Es ist eine gigantomanische Sammlung von Zeichen, für die es kein Bezeichnetes gibt. Es ist keine Nachbildung eines realen Konzerts (wie bei The Musical Box), es ist keine aufgemotzte Version eines alten Show-Konzepts (wie bei The Wall), es ist nicht mal ein richtiges Konzert, Live-Band hin oder her. Aber trotzdem tut es alles dafür, den Anschein zu erwecken, man könnte jeden Abend ein perfektes ABBA-Konzert besuchen. Ein Konzert, das es so nie gegeben hat und das deswegen sogar besser ist als jedes Original. Das demnach, genau wie Baudrillard schrieb, das Bezeichnete ersetzt, mindestens für sämtliche Generationen, die die Original-ABBA nie live sehen konnten.

Eins muss ich allerdings zugeben: ABBA Voyage ist es durchaus gelungen, mir eine neue Wertschätzung für ABBAs Musik mitzugeben. “SOS” und “Waterloo” gingen mir über Tage nicht aus dem Kopf. Und “Eagle” war ein kleinerer Hit, den ich gar nicht kannte und wirklich mag.

Bild Copyright: ABBA Voygae

Es ist wahr: Ich beschäftige mich wieder mit der Blogosphäre

„Der Begriff Blogosphäre kommt mir unappetitlich vor. Weil das so ein Insidertum suggeriert, von dem ich zur Hälfte glaube, dass es das gar nicht gab und zur anderen Hälfte nicht Teil davon sein wollte.“

Kathrin Passig

Ich glaube, ein nicht unwesentlicher Teil meiner geringen Internet-Bekanntheit hängt mit einem Blogpost zusammen, den ich Anfang 2013 geschrieben habe, mit dem Titel “Vier Thesen zur deutschen Filmblogosphäre“. Ich hatte dafür diverse Filmblogger:innen per Fragebogen interviewt und sie gefragt, warum sie eigentlich mit anderen Blogger:innen nicht besser vernetzt sind.

Darauf folgte eine jahrelange Bemühung bei mir, die Leute noch mehr zusammenzubringen, mit Blogparaden und Festivaltreffen. Ich glaube, eine Blogosphäre habe ich dadurch nicht geschaffen, aber ich selbst habe mir darüber ein Netzwerk aus Kontakten und Freundschaften erschlossen, das bis heute nachwirkt. Mit Sascha und Lucas habe ich jahrelang einen Podcast gemacht. Mit Sonja bin ich noch immer gut befreundet. Olivier schickt mir regelmäßig die tollsten selbstgemachten Adventskalender. Den Rest sehe ich manchmal in Arbeitskontexten oder er weiß zumindest, wer ich bin.

Das war 2013. Da war Bloggen schon beinahe wieder out. Aber meine Beschäftigung mit dem Begriff und Konzept “Blogosphäre” kam nicht von ungefähr. Seit ich Blogs für mich entdeckt hatte, war bei mir dieser Eindruck entstanden, dass es da draußen wirklich eine virtuelle Gemeinschaft von interessanten Menschen gibt, die ständig im Internet zusammen abhängen. Als jemand, der mit solchen Gemeinschaften in den 1990ern in Foren großgeworden war, hat mich das immer fasziniert. Und natürlich wollte ich auch immer dazugehören.

Das galt nicht nur für Leute, die über Film bloggen. Im Intro des “Vier Thesen”-Artikels schreibe ich sogar folgendes (und das hatte ich ganz vergessen, bevor ich anfing, diesen Post zu schreiben):

Wenn man von der “deutschen Blogosphäre” spricht, denken doch hoffentlich alle ungefähr an dasselbe. Die deutsche Blogosphäre, das sind die, die sich jedes Jahr auf der re:publica treffen, ihre Gallionsfiguren sind Leute wie Lobo, Beckedahl, Gröner, Häusler, Borchert – unsere digitale Bohème. Die gehören irgendwie zusammen, denkt man sich so. Die reden miteinander und hecken bestimmt gemeinsam einen Plan aus

Diese Faszination war also damals schon da. Mein erster Talk auf meiner ersten re:publica, “Wie ich ganz alleine die deutsche Filmblogosphäre erschuf“, drehte sich ein Jahr später um genau das Thema. Über die Zeit ist die Neugier nur gewachsen.

In Richard Linklaters Nouvelle Vague über die Entstehung von À Bout de Souffle gibt es relativ am Anfang eine Szene auf einer Filmpremiere, wo all die Personen, die man heute als die Nouvelle Vague kennt, auf einer Terrasse beieinandersitzen, rauchen und über Filme reden. So habe ich mir die deutsche Blogosphäre in den 2000ern in Berlin auch immer vorgestellt – wie so eine coole Subkultur für das digitale Zeitalter.

Ich muss schon zugeben, dass diese Vorstellung immer mehr infrage gestellt wurde, vor allem, seitdem ich im Laufe der Jahre einige der Hauptakteure interviewen und persönlich kennenlernen konnte, mit manchen sogar locker befreundet bin. Aber ich hatte trotzdem diesen Gedanken: Eines Tages sollte jemand mal die Geschichte dieser Zeit erzählen. (Das sage ich auch als Fan von Sachbüchern und Oral Histories wie Easy Riders, Raging Bulls und Der Klang der Familie.)

Inzwischen ist mir klar, dass ich dieser Jemand sein sollte. Deswegen habe ich verschiedene Schritte ergriffen. Erstens habe ich begonnen, Blogger:innen zu interviewen. Mit Patricia Cammarata, Dirk von Gehlen und Kathrin Passig habe ich schon gesprochen. Sie sagen alle tolle Sachen und haben mich schon auf Pfade geführt, an die ich vorher noch gar nicht gedacht hatte: Bloglesungen, Popliteratur, Gen X!

„Ich glaube, das Geheimnis war immer diese Verknüpfung zwischen Online und Offline. Also diese Kohlenstoffwelt hat es gebraucht. Wenn man sich auf der re:publica getroffen hat oder einfach mal auf einen Kaffee, das hat anders verbunden. Und das war in Berlin natürlich einfacher, weil sich vieles dort konzentriert hat.“

Patricia Cammarata

„Man hatte mit den anderen eigentlich gar nicht so viel zu tun, aber man fand es trotzdem gut und verlinkte sich. Die Gemeinsamkeit bestand halt wirklich aus: ‚Ich habe auch ein Tocotronic-T-Shirt [also ein Blog]‘ – und der andere sagt: ‚Okay, cool, und was sonst?‘“

Dirk von Gehlen

Zweitens werde ich das Thema auf der diesjährigen re:publica – ein Jahr vor ihrem 20. Jubiläum – besprechen. Am Montagabend zusammen mit Felix Schwenzel, Franziska Bluhm und Inés Gutierrez, die alle nur als die Kaltmamsell kennen. Die Veranstaltung heißt “Mythos Blogosphäre – Wie war es damals wirklich?” und ich freue mich sehr darauf.

Und drittens? Wer weiß das schon. Ob ich aus all dem noch irgendwann mehr mache – einen Podcast, ein Buch, eine Magazingeschichte (Redakteur:innen aller Medien gerne melden unter kontakt@alexandermatzkeit.de) – wird sich zeigen. Es wird auch davon abhängen, wie die Resonanz ist. Aber bis dahin sammle ich erstmal. Das belohnt für’s erste schon mal meine Faszination und Neugier.

Und vielleicht blogge ich ja ab und zu darüber.

Wen sollte ich als nächstes interviewen?

Zwischenruf zu “Reclaim: Tic Tac Toe”: Reclaim Pop

Ich habe gestern die erste Folge vom Podcast Reclaim: Tic Tac Toe gehört, und ich verstehe total die Motivation des Reclaimens einer Band, die zeitweise als ein bisschen peinlich oder lächerlich abgestempelt war. Das scheint in diesem Fall auch absolut berechtigt. Aber an einer Stelle bin ich doch stutzig geworden.

Da heißt es, die Diskussion ob Tic Tac Toe ein “Produkt” waren, hätten vor allem “die Medien unter sich selbst geführt” – den Fans wäre es ja egal gewesen. Das, nachdem man 40 Minuten lang gehört hat, dass Jazzy, Lee und Ricky von einem Management/Produzenten-Duo zusammengecastet wurden, dass ihnen eine falsche Origin Story angedichtet und über ihr Alter gelogen wurde, um für die anvisierte Zielgruppe von Preteens besser zu funktionieren. Und Musik und Texte, die nach dem Erfolg von “Ich find dich Scheiße” sehr eindeutig auf der Annahme “Welche Tabu-Kraftausdrücke können wir noch in Songtiteln verwenden?” (“Verpiss dich!”, “Leck mich am A B Zeh”) konfektioniert waren, hat ebenfalls ihr Produzent geschrieben.

Natürlich waren Tic Tac Toe ein Produkt. Der Fehler ist, darin ein Qualitätsurteil zu sehen.

Gute Popmusik kann genau davon leben, dass sie ein perfektes Produkt liefert. Auch vermeintliche Authentizität ist oft ein Produkt oder wird im Nachhinein dazu gemacht – auch in “echt” konnotierten Musikrichtungen wie Rock und Rap. Deswegen kann Musik trotzdem empowernd, wirksam und auch musikalisch herausragend sein. Und ihre Performer können trotzdem geniale Vorbilder und Vorreiter sein.

Performance ist eine entscheidende Zutat im Pop. Wenn man sich eine vermeintlich perfekte rotzige Girlband zusammencastet, die Sängerinnen das aber nicht überzeugend performen können, funktioniert es nicht. Jazzy, Lee und Ricky haben durch ihre Perfomance einen entscheidenden, vielleicht sogar den wichtigsten Beitrag für den Erfolg von Tic Tac Toe geliefert. Das sagen im Podcast übrigens auch mehrere Leute, zum Beispiel über den Videodreh von “Scheiße”.

Ich hätte es besser gefunden, wenn das Team diesen Punkt offensiv herausgestellt hätte. Man hätte darauf hinweisen können, dass das in den 90ern tatsächlich noch an vielen Stellen anders bewertet wurde, der Diskurs inzwischen aber zum Glück weiter ist. Die vermeintliche Realness, die insbesondere männliche Journalisten damals noch als Merkmal von “guter Musik” postuliert haben, wurde längst abgelöst.

Genau unter dem Aspekt des “Reclaimens” übrigens, und zwar von Pop als Kunstform.

Im Podcast aber wird die Frage, ob Tic Tac Toe ein Produkt waren, mit so einem “Ist doch egal, müssen wir gar nicht drüber reden” vom Tisch gewischt. Der Produzent hat den Mädels ja auch zugehört und das dann umgesetzt, heißt es. Als wolle man sich seine schöne Umdeutungs-Story bloß nicht von störenden Tatsachen kaputt machen lassen.

Oder sehe ich das falsch?

(zuerst als Thread auf Bluesky formuliert)