Natürlich habe ich auch Christopher Nolans The Odyssey gesehen und einige Gedanken dazu gehabt. Ich habe auch viel mit Freundinnen und Freunden darüber geschnackt – mehrere haben mich auch direkt nach meiner Meinung gefragt. Interessant finde ich: Nachdem der Film vor dem Start so sehr wegen seiner angeblichen “Wokeness” (eine schwarze Helena, ein Soldat, der von einem trans Mann gespielt wird) diskutiert wurde, kommt der Wind in meiner Bubble jetzt aus der entgegengesetzten Richtung. Gerade mit Frauen habe ich vor allem darüber gesprochen, ob der Film auch für sie Identifikationsfiguren bereithält. Catherine Shoard hat für den Guardian auch einen pointierten Text über diese Frage geschrieben (h/t Sonja).
Die kurze Antwort lautet: Nein. Die Frauen in The Odyssey sind keine schwachen oder herabgesetzten Charaktere, aber viel zu tun haben sie auch nicht. Und auch sonst ist The Odyssey in vielerlei Hinsicht ein Christopher-Nolan-Film, wie er im Buche steht. Er tut klüger als er ist und übertüncht mit seinen Schauwerten eine eher banale und nicht nuanciert verhandelte Botschaft (irgendwas zwischen “Krieg ist schlimm” und “Sittenverrrohung ist aller Laster Anfang”). Er ist vergleichsweise humorlos, besitzt kaum Erotik und könnte, Elliot Page zum Trotz, angesichts des Stoffs deutlich queerer sein. (epd film hat Nolans Marotten in einer Reihe von Vignetten diesen Monat gut aufbereitet.)
Nolan-Filme zerfallen für mich in zwei Lager: Die, in denen seine technokratische Herangehensweise für mich funktioniert (Memento, Inception, Dunkirk, The Prestige), und die, in denen sie mich abstößt oder langweilt (The Dark Knight, Oppenheimer, Interstellar, TENET). Entscheidend ist meistens, ob es irgendetwas Übergeordnetes gibt, das mich trotzdem für den Film gewinnt.
In The Odyssey ist das der Fall: Ich mag, wie Nolan mit der mythologischen Dimension des Stoffs umgeht. Wie konsequent er zeigt: Die Welten der Götter und der Menschen sind nicht vergleichbar und wir Menschen können nur erahnen, was außerhalb unserer Vorstellungskraft existiert. Alles Übersinnliche im Film – Zyklop, Magie, Sirenen, Scylla, Schweineverwandlungsmagie – wird durch Schnitte und Kamera so präsentiert, dass man es fast nur aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Kein Fantasy-Film, eher ein Horrorfilm. Ein Film darüber, wie klein wir Menschen uns im Angesicht der ungeheuren Welt fühlen sollten.
Diese Idee und ihre visuelle Umsetzung hat mich begeistert. Der unbedingte Wille Nolans, für eine große Zahl bekannter Motive neue Bilder zu finden, querliegend zur großen Diorama-Ausstellung handelsüblicher CGI-Monsterschlachten im Genre. Im Kino hatte ich deswegen einfach eine richtig gute Zeit. Die letzte Stunde des Films, in der es um die Heimkehr nach Ithaka, die Vertreibung der Werber und “Xenia für Dummies” geht, war mir dann aber wieder viel zu lang. In diesem Fall bin ich allerdings bereit, zu verzeihen. Bei Oppenheimer war ich das nicht.
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Die größte Diskussion der letzten Jahre in meinem Lieblingsspiel Magic: The Gathering dreht sich darum, dass die Firma Wizards of the Coast nach über 30 Jahren Spielhistorie angefangen hat, Crossovers mit externen Intellectual Properties zu produzieren. Magic als Sammelkartenspiel lebt von seinem immer neuen Input, inzwischen erscheinen etwa sechsmal im Jahr neue Kartensets. Die Crossover-Welle mit dem Namen “Universes Beyond” fing harmlos mit Sets zu Dungeons and Dragons und The Lord of the Rings an, die beide nahtlos an Magics übliche High-Fantasy-Welt anschlossen, ging aber weiter unter anderem mit dem Marvel Universe, Avatar: The Last Airbender und Teenage Mutant Ninja Turtles. Ende dieses Jahres erscheint ein Star-Trek-Set.
Viele Magic-Fans sehen darin eine Pervertierung ihres geliebten Spiels und boykottieren die Universes-Beyond-Sets, die im Wechsel mit klassischen Magic-Sets erscheinen. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass die Crossovers jede Menge neue Fans an Land spülen, die wegen des ihnen Bekannten kommen und anschließend bleiben. Ich selbst bin relativ agnostisch. Manche Sets waren besser, andere weniger gut. Über Tolkien habe ich mich selbstverständlich gefreut, die Turtles waren eine prägende IP meiner Kindheit und Avatar habe ich durch Magic erst richtig entdeckt und schaue jetzt begeistert die Serie mit meinem Kind. Aber es gibt mir keinen besonderen Kick, Charaktere, die ich kenne, auf Magic-Karten zu sehen. Ich hätte nichts dagegen, wenn Magic die Universes-Beyond-Kooperationen wieder beenden würde.
Dass es aber doch einen Unterschied gibt, habe ich dieses Wochenende gemerkt. Auf einer Magic-Convention in Amsterdam wurde das Programm für das kommende Jahr vorgestellt, allerdings zunächst nur die Sets, die nicht Universes Beyond sind. Die Spieler erwartet eine Unterwasser-Welt, ein Mechas-vs-Monster-Setting und eine Afro-Fantasy-Welt. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich wieder Vorfreude gespürt, die mit früher vergleichbar war.
Es ist etwas Besonderes, dass Magic seit 33 Jahren eine Geschichte fortschreibt und ein Multiversum baut, das immer vielfältiger und interessanter wird – auch wenn es gelegentlich an den gleichen Complexity-Creep-Problemen leidet wie lange laufende Comicserien. Als in Amsterdam die “Universes Within”-Sets angekündigt wurden, entstanden in meinem Kopf nicht Gedanken wie “Ich hoffe, das wird erträglich” oder “Ich bin gespannt, wie sie X ins Spiel übersetzen” sondern einfach “Was lassen sie sich dafür wohl Tolles einfallen” und “Ich will wissen, wie die Story weitergeht”. Es war angenehm, nicht parallel das Rumpeln des Hyperkapitalismus zu hören, der einen mit den immer gleichen Marken in neuen Gewändern zuscheißt. Es war angenehm, sich nicht zu den Crossovers verhalten zu müssen, sondern sich einfach auf Neues und Kreatives zu freuen. Das hat mir mehr zu denken gegeben, als ich erwartet hätte.
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In der neuen Ausgabe von LÄUFT geht es um den Dokumentarfilm Was haben wir gelacht, der jetzt im Kino ist und sicher vor Ende des Jahres auch noch im Fernsehen laufen wird. Er ist ein sehr gutes Stück Medienreflexion über die Unterhaltungssendungen der 1990er Jahren und das gruselige Frauenbild, das damals noch als normal galt – auch bei mir. Mit Co-Regisseurin Eva Müller habe ich genau über diese Erinnerung an damals und über die Machart des Films gesprochen. War eins meiner liebsten Interviews bisher dieses Jahr, deswegen empfehle ich es ohne Einschränkungen.
Außerdem in der genannten Folge: Ein kleines Kritik-Feature zum Hörspiel Hologrammatica vom Deutschlandfunk nach dem Roman von Tom Hillenbrand. Ich habe das Team des Hörspiels auch auf der MetropolCon getroffen, über die ich demnächst hier noch ausführlicher schreiben will. Eine längere Kritik zu Hologrammatica habe ich auch für epd medien geschrieben, ebenso Texte zum ARTE-YouTube-Format Warum? und zum KI-Game Promptables des SWR.
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